Interview des Monats: Dr. Harald Schlatter, P&G Salon Professional

Harald SchlatterWer sich grundsätzlich für biologische Inhaltsstoffe entscheidet, trifft im Bereich der Haarkosmetik nicht zwangsläufig die bessere Wahl. Dr. Harald Schlatter, Technical External Relations von P&G Salon Professional weiß, welche Möglichkeiten in den verschiedenen Entwicklungsverfahren stecken.

Herr Dr. Schlatter, der Begriff „Bio" ist im Bereich der Haarkosmetik gesetzlich nicht geschützt. Ist immer Bio drin, wenn Bio draufsteht?

Nein. Da der Begriff „Bio" an sich nicht geschützt ist, ist es nicht ohne weiteres möglich, daraus auf die Inhaltsstoffe zu schließen. Auch der Hinweis „enthält natürliche Inhaltsstoffe" ist kein eindeutiges Zeichen: Er kann nur ein oder wenige Inhaltsstoffe betreffen, während die große Mehrzahl der Inhaltsstoffe nach wie vor synthetische Inhaltsstoffe sind. Wichtig ist jedoch zu bedenken, dass diese synthetischen Inhaltsstoffe keineswegs per se schlechter oder schädlicher sind.

Ist biologisch gleichzusetzen mit schadstofffreier oder schadstoffärmerer Entwicklung und Produktion?

Nein, zumindest nicht im Bereich Kosmetika. Man kann sogar sagen, dass es die Natur ist, die die giftigsten Substanzen hervorgebracht hat. Ein gern genanntes Beispiel ist Botulinumtoxin, ein von einem Bakterium gebildeter und natürlich vorkommender Giftstoff. Es ist die giftigste Substanz, die wir zurzeit kennen - und kann dennoch sicher und zum Nutzen des Menschen eingesetzt werden, wie zum Beispiel in der Medizin und auch der kosmetischen Medizin. Grundsätzlich können alle natürlichen Inhaltsstoffe bei falscher Verwendung die gleichen schädlichen Nebenwirkungen haben wie synthetische Inhaltsstoffe und man kann nicht grundsätzlich sagen, dass „natürlich" besser oder „ungefährlicher" sei. Tatsächlich stellt die Qualitätskontrolle und Sicherheitsbewertung von natürlichen Inhaltsstoffen eine besondere Herausforderung dar, da Qualität und auch Reinheit natürlich gewonnener Inhaltsstoffe größeren Schwankungen unterliegen als ein Inhaltsstoff, der mittels eines präzise kontrollierten Herstellungsprozesses produziert wurde. Grundsätzlich müssen unserer Philosophie nach beide Inhaltsstoffgruppen - natürlich und synthetisch - die gleichen hohen Sicherheitsanforderungen erfüllen. Dabei ist „natürlich" keinesfalls grundsätzlich besser oder einfacher zu bewerten. Ganz im Gegenteil.

Haben also natürliche und synthetische Inhaltsstoffe ihre Daseinsberechtigung?

Grundsätzlich ist Priorität, welcher Inhaltsstoff die gewünschte Funktion am besten erfüllt. Das kann ein natürlicher oder ein synthetischer Stoff sein. Bei manchen Produkten, bei denen anzunehmen ist, dass es für die Verbraucher von Interesse und Bedeutung ist, kommen natürliche Inhaltsstoffe zum Einsatz und dann kann auch explizit auf diese Inhaltsstoffe hingewiesen werden. Aber grundsätzlich steht die Performance und Sicherheit im Vordergrund - und welcher Inhaltsstoff dies am besten erfüllt, wird genommen, egal ob synthetisch oder natürlich.

Welche Vorteile bieten synthetisch erzeugte Inhaltsstoffe speziell in Haarkosmetika?

Synthetische Inhaltsstoffe bieten den Vorteil, dass sie gezielt entwickelt und synthetisiert werden können, um die bestmögliche Performance zu erreichen. Ihre Qualität und Reinheit lässt sich leichter kontrollieren als bei manchen natürlichen Inhaltsstoffen.

Kopfhaut und Hände sind im Bereich der Haarkosmetika auf einwandfreie Inhaltsstoffe angewiesen. Welche Sofort- und Spätschäden können bei qualitativ minderwertigen Produkten auftreten?

Die Gesundheitseffekte können je nach Produkt, Anwendung und Produktzusammensetzung vielfältig sein. Es kann anfangen mit schlechter Performance/Wirksamkeit und weitergehen über kurzfristige Haut- und Augenreizungen - bis hin zu langfristigen Gesundheitseffekten wie z.B. Allergien.

Welche gesetzlichen Bestimmungen im Bereich der Haarkosmetik beugen Pflegeunfällen vor?

Die Kosmetikverordnung hat umfangreiche Vorschriften zur sicheren Verwendung von kosmetischen Inhaltsstoffen bis hin zu konkreten Testvorschriften. Renommierte Hersteller wie P&G Salon Professional haben ganze Abteilungen, die sich ausschließlich mit der Sicherheitsbewertung einzelner Inhaltsstoffen und fertiger Produkten beschäftigen und sicherstellen, dass alle regulatorischen Vorschriften der Kosmetikverordnung präzise umgesetzt und berücksichtigt sind. Besondere Bedeutung hat dabei die Sicherheitsbewertung jedes einzelnen Inhaltsstoffs sowie des gesamten Produkts vor Markteinführung und auch die genaue Marktbeobachtung nach Produkteinführung inklusive möglicher Kundenrückmeldungen.

Ein Blick in die Zukunft: Welche Rolle spielt Nanotechnologie in der Entwicklung von Haarkosmetika und welches Potenzial sehen Sie darin?

Grundsätzlich sehen wir bei P&G Salon Professional viel Potenzial in der Nanotechnologie, auch wenn deren Einsatz und Vorteil in der Haarkosmetik eher weniger relevant ist als z.B. im Bereich der Haut- und Gesichtskosmetika. Nanotechnologien, die anderweitig viel Verwendung in Kosmetika finden, wie zum Beispiel Titaniumdioxid, spielen in der Haarkosmetik eine eher untergeordnete Rolle. Wir verfolgen aber die Entwicklung im Nanotechnologiebereich mit großer Aufmerksamkeit und werden neue, vielversprechende Nanotechnologien intensiv bzgl. ihres Nutzens und Sicherheit überprüfen, bevor wir sie in Haarkosmetika berücksichtigen würden.

Haarkosmetik Inhaltsstoffe

 

Das Interview führte Dagmar Tilsner, beautyrelations.de